Endokrinologie
Diabetes mellitus: Diagnose
Definition
Diabetes mellitus umfasst eine Gruppe heterogener metabolischer Erkrankungen, deren gemeinsames Merkmal die Hyperglykämie ist. Defekte in der Insulinsekretion sowie Defekte in der Insulinwirkung bzw. beide Defekte gemeinsam führen zur Hyperglykämie.
Epidemiologie
Die häufigste Form, der Typ-2-Diabetes, nimmt weiterhin weltweit zu und soll in den nächsten 25 Jahren mindestens 250 Millionen Menschen betreffen.
Ätiologische Klassifikation des Diabetes mellitus
Die frühere Einteilung nach der Insulinabhängigkeit (z.B.: insulin (in)dependent diabetes mellitus, IDDM, NIDDM) stellt keine Klassifikation dar und ist obsolet.
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Typ-1-Diabetes | ß-Zelldestruktion mit absolutem Insulinmangel. Erst ein Verlust von ungefähr 90% der ß-Zellen führt zu irreversiblem Insulindefizit mit klinischer Symptomatik |
| A)immunmediierter Diabetes | autoimmunbedingte Zerstörung der ß-Zellen. Früher "insulinabhängiger Diabetes" oder "juveniler Diabetes" genannt | |
| B)idiopathischer Diabetes | umfasst nur einen kleinen Teil des Typ-1-Diabetes, meist in afrikanischen oder asiatischen Ländern | |
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Typ-2-Diabetes | überwiegend Insulinresistenz bei meist relativem Insulinmangel. Patienten meist übergewichtig (früher "nichtinsulinabhängiger Diabetes" oder "Altersdiabetes" genannt) |
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andere spezifische Ursachen des Diabetes | |
| A) genetische Defekte der ß-Zellen |
Unter Diabetes mellitus 3A sind die monogenetisch, autosomal dominant vererbten Formen des MODY zusammengefasst ("Maturity Onset Diabetes of the Young"). |
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| B) genetische Defekte in der Insulinwirkung (selten) |
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| C) Erkrankungen des exokrinen Pankreas |
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| D) Endokrinopathien |
Überproduktion von Hormonen, die die Insulinwirkung antagonisieren. |
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| E) medikamentös induzierter Diabetes |
Viele Medikamente führen zu einer Störung der Insulinsekretion und/oder -wirkung und können die Diabetesmanifestation begünstigen. |
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| F) Infektionen |
Zerstörung von ß-Zellen |
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| G) seltene Formen des immunmediierten Diabetes |
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| H) andere genetische Syndrome, die mit Diabetes assoziiert sind |
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Gestationsdiabetes (GDM) | Glukosetoleranzstörung, die während der Schwangerschaft erstmals auftritt und die Erstmanifestation eines Typ-1-, Typ-2-Diabetes oder anderer Diabetesformen einschließt. |
ÖDG Leitlinien 2004
Risiko und Prävention
Beim Typ-2-Diabetes ist die Erblichkeit von weit größerer Bedeutung als beim Typ-1-Diabetes.
Unter dem metabolischen Syndrom wird eine Reihe von Risikofaktoren für die Entstehung von Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten zusammengefasst. Seine Bedeutung für die Diagnose als auch die Prognose von Typ-2-Diabetes ist derzeit aber in Diskussion.
Prospektive Studien zur Prävention in Hoch-Risiko-Kollektiven mit gestörter Glukosetoleranz in Finnland und den USA zeigen, dass das relative Risiko der Manifestation von Typ-2-Diabetes durch Lifestyle-Modifikation (diätetisch & Bewegung) drastisch gesenkt werden kann.
Typ-1-Diabetes
Häufigkeit: ~0,4%
Definition
Der Diabetes mellitus Typ 1 ist eine endokrine Erkrankung, die nach weitgehender Destruktion der ß-Zellen der Langerhans'schen Inseln mit zunehmender Verminderung der Insulinproduktion klinische Symptome bereitet und unbehandelt ins diabetische Koma führt. Erst eine Zerstörung von ungefähr 90% der ß-Zellen führt zu irreversiblem Insulinmangel mit klinischer Symptomatik.
Folgen des absoluten Insulinmangels
- Verlust jeglicher Regulation des Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsels
- Erhöhung der Konzentration von Glukose, Fettsäuren und verzweigtkettigen Aminosäuren im Blut
- vermehrter Eiweißabbau und dementsprechend erhöhte Glukoneogenese, die unmittelbar zur Hyperglykämie beiträgt
- vermehrter Fettsäurenabbau zu Ketonkörpern, die zur metabolischen Ketoazidose führen
Typ-2-Diabetes
Häufigkeit: ~5%, Dunkelziffer unbekannt (20-50% der bekannten Fälle).
Definition
Der Diabetes mellitus Typ 2 ist durch vorwiegende Störung der Insulinwirkung mit meist relativem Insulinmangel gekennzeichnet. Langfristig erhöhte Freisetzung von Lipiden, vor allem freier Fettsäuren aus der Nahrung und dem Fettgewebe bei Adipositas, hemmt die Insulinsignaltransduktion, aber auch die Insulinsekretion.
Symptome
Kein klinisch-pathognomonischer Symptomenkomplex, abgesehen von Glukosurie, Ketonurie und Azidose bei absolutem Insulinmangel.
Suspekt sind:
- Polyurie
- Polydipsie
- anders nicht erklärbarer Gewichtsverlust
- Sehstörungen
- Wundheilungsstörungen
- erhöhte Infektanfälligkeit
- Genitalpruritus
- sog. Leistungsknick
- Orthostase
- Ruhetachykardie
- Pulsstarre, Völlegefühl, Erbrechen, Restharnbildung als Zeichen der autonomen Neuropathie
Diagnostik
| Kriterien für die Diagnostik "Diabetes mellitus" |
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1. Diabetessymptome (s. o.) + PG (Plasmaglukose) oder |
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2. Nicht-NPG (Nüchternplasmaglukose) oder |
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3. NPG oder |
| 4. PG bestimmt 2 h nach 75g-OGTT (oraler Glukosetoleranztest) |
| Nüchternplasmaglukose (NPG) |
| NPG <100mg/dl = normale Nüchternglukose |
| NPG |
| NPG |
Bei klinischem Verdacht und widersprüchlichen Ergebnissen erfolgt die Diagnose anhand des OGTT:
| Oraler Glukosetoleranztest (OGTT) |
| 2 h - PG <140mg/dl = normale Glukosetoleranz |
| 2 h - PG |
| 2 h - PG |
Bedingungen für die korrekte Interpretation des OGTT
- 3 Tage vor dem Test ist eine kohlenhydratreiche Kost einzunehmen
- Patient darf nicht bettlägerig sein
- Akuterkrankungen müssen mindestens 2 Wochen zurückliegen
- es dürfen keine den Blutzucker beeinflussende Medikamente genommen werden
- Patient muss durch 12 Stunden nüchtern sein (auch kein Kaffeegenuss)
- Patient muss während der Untersuchung sitzen
- Patient darf 8-12 Stunden vor und während der Durchführung des Tests nicht rauchen
- Patient darf sich während des Testablaufes nicht körperlich anstrengen
Durchführung des OGTT
Nach der Bestimmung der NPG Einnahme von 75g Traubenzucker in 250-300ml Wasser (oder Tee) oder einer äquivalenten Menge eines Oligosaccharidkomplexes während 5 Minuten.
Nach 2 Stunden Messung des PG-Wertes.
Obwohl eine Parallelität der Häufigkeitsverteilung von HbA1c ähnlich jener der NPG und der 2 h-PG besteht, wird die Bestimmung von HbA1c für die Diagnose Diabetes mellitus nicht empfohlen. Da die PG 10-15% höher liegt als die BG, die Glukosetoleranz venös und kapillär im Nüchternzustand weitgehend identisch ist, nach Nahrungszufuhr aber kapillär deutlich höher ist als venös, müssen entsprechend den verschiedenen Blutabnahmeorten und Bestimmungsmethoden verschiedene Grenzbereiche angesetzt werden (s. Tab.).
Merke: Gestörter, aber noch nichtdiabetischer Glukosestoffwechsel birgt bereits ein deutlich erhöhtes Risiko makroangiopathischer Komplikationen, während mikroangiopathische Veränderungen noch nicht vorhanden sein müssen.
Zur differenzialdiagnostischen Unterscheidung des Typ-1-Diabetes von anderen Diabetesformen kann die Bestimmung der Inselzellantikörper (Tyrosin-Phosphatase, IA2-A; Glutamatdecarboxylase, GADA65) beitragen.
Schwangerschaftsdiabetes
Ein OGTT ist bei allen schwangeren Frauen zwischen der 24. und 28. Gestationswoche anzustreben. Wegen geringer Diabetes-Wahrscheinlichkeit kann bei Schwangeren eventuell verzichtet werden, wenn sie unter 25 Jahre und normalgewichtig sind, keiner Population mit hoher Diabetesprävalenz angehören und keine familiäre Diabetesbelastung vorliegt. Der OGTT sollte entsprechend den Empfehlungen der WHO wie bei Nichtschwangeren sein. In Anlehnung an unterschiedliche Screening-Tests in den USA wird auch in Europa ein BG-Schwellenwert von 160mg/dl 1h nach OGTT mit 75g Glukose herangezogen.
Identifikation von Risikogruppen (Screening) für Typ-2-Diabetes
Untersuchung ab dem 45. Lebensjahr und falls normal, Wiederholung in 3-jährigen Intervallen.
Untersuchung vor dem 45. Lebensjahr und häufigere Wiederholung bei Personen mit:
- Übergewicht (Body-Mass-Index >27kg/m2; Adipositas)
- familiärer Diabetesbelastung
- früherer Geburt eines Kindes mit >4,5kg
- Hypertension mit RR >140/90mm Hg
- HDL-Cholesterin <35mg/dl und/oder Triglyzeriden >250mg/dl
- Nachweis einer pathologischen Glukosetoleranz oder gestörten NPG zu einem früheren Zeitpunkt
Aufgrund seiner guten Reproduzierbarkeit ist die NPG bzw. NBG der bevorzugte Test. Es ist zu beachten, dass im Vergleich zu früheren Empfehlungen die Untergrenze für einen positiven PG-Wert unter Screening-Bedingungen im nichtnüchternen Zustand von 200 auf 140mg/dl (entsprechend einer BG von 160mg/dl) gesenkt wurde. Bei positivem Befund ist eine Bestätigung der Diagnose selbstverständlich erforderlich.

Glykämie-Kontrolle
Parameter der Langzeit-Blutzuckereinstellung wie Hämoglobin A1c (HbA1c) oder Fructosamin sind zur Diagnosestellung nicht geeignet, sie dienen lediglich der Verlaufskontrolle unter Therapie. Das HbA1c ist eine Hämoglobin-Unterfraktion, deren Konzentration die mittlere Glykämie-Kontrolle der letzten 2-3 Monate angibt.
Metabolisches Syndrom
Derzeit liegen verschiedene Definitionen des „Metabolischen Syndroms“ vor, die entweder die Insulinresistenz oder die abdominelle Adipositas in den Vordergrund stellen oder bestimmte Kriterien als gleichwertig ansehen (siehe NCEP/ATP III-Kriterien). Für die Prävention von manifestem Diabetes und makrovaskulären Komplikationen ist jedenfalls die Behandlung aller einzelnen Risikofaktoren-Gruppen (Lipid-, Blutdruck-, Blutglukose-Faktor) wichtig und erforderlich.
NCEP/ATP III-Kriterien
| Bauchumfang |
>102 cm für Männer |
| p-TG | |
| HDL-C | |
| NPG | |
| RR |
Mindestens 3 dieser 5 Kriterien müssen für die Diagnose „Metabolisches Syndrom“ erfüllt sein.
Langzeitkontrollen bei Diabetes mellitus
- Körpergewicht
- Blutdruck
- Blutzucker
- HbA1c
- Mikroalbuminurie
- Nierenfunktion
- Augenhintergrund
- Hypoglykämie-Häufigkeit
- Fußstatus
Akute Komplikationen bei Diabetes mellitus(Koma, diabetisches)
Hypoglykämie
Verminderung des Blutzuckers unter 50 mg/dl; Symptome einer Hypoglykämie können bei hyperglykämischen Diabetikern mit raschem Blutzuckerabfall auftreten. Beim fastenden Gesunden kommt es nicht zur Hypoglykämie.
Diabetische Ketoazidose
Bei absolutem Insulinmangel sistiert der Glukosetransport in die Gewebe, vermehrte Lipolyse führt zum Anstieg freier Fettsäuren. Vermehrte Fettsäureverbrennung führt zum Anfall von Ketonkörpern (Betahydroxybuttersäure, Acetessigsäure und Aceton) im Blut. Ketoazidotisches Koma mit ausgeprägter Ketoazidose typisch für Typ-1-Diabetes.
Hyperosmolares Koma
Flüssigkeitsverlust mit Dehydrierung vor allem bei unbehandeltem Typ-2-Diabetes mit zusätzlichen Risikofaktoren wie z.B. Diarrhoen, Diuretika, Infekten
Chronische Folgeschäden
Diabetisches Spätsyndrom
diabetische Komplikation durch Kombination der diabetischen Angio- und Neuropathie:
mikrovaskuläre Komplikationen
diabetische Mikroangiopathie:
- Niere (diffuse und noduläre Glomerulosklerose Kimmelstiel-Wilson): Hypertonie, Proteinurie, Niereninsuffizienz, Papillennekrosen
- Retina (Retinopathia diabetica): Mikroaneurysmen, Exsudationen, Proliferationen, Blutungen (Retina und Glaskörper), Sehstörung, Erblindung
makrovaskuläre Komplikationen
Atherosklerose der großen und mittleren Gefäße (unspezifisch) tritt bei Diabetes mellitus häufiger und frühzeitiger als bei Nichtdiabetikern auf. Folgen: Myokardinfarkt, Schlaganfall, Claudicatio intermittens bei jüngeren Menschen
diabetische Neuropathie
Befall des peripheren, autonomen und zentralen Nervensystems mit:
- Parästhesien
- nächtlichen Wadenkrämpfen
- Hypo- bzw. Areflexie
- Blasenstörungen
- Impotenz
Hautveränderungen
diabetische Dermopathie
Diabetisches Fußsyndrom (siehe dort)
Die diabetische Neuropathie ggf. mit Schmerzverlust in Kombination mit der diabetischen Angiopathie (Zirkulationsstörungen) lässt aus banalen Traumen tiefgreifende progrediente Nekrosen entstehen. Neigung zu Infektionen. Progredienter Verlauf führt häufig zu Amputationen.
Prognose des Diabetes mellitus
Abhängig von langfristiger optimaler Stoffwechseleinstellung (vgl. diabetisches Spätsyndrom). Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus haben eine 2-5x höhere kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität, die durch zusätzliche Risikofaktoren noch wesentlich steigen kann (Hypertonie, Hypercholesterinämie, Rauchen u.a.)
Diabetesbezogene Endpunkte
- Tod durch Hyper- oder Hypoglykämie
- tödliche bzw. nicht tödliche Herzinfarkte
- Angina pectoris
- Herzversagen
- Schlaganfall
- Nierenversagen
- pAVK
- Amputationen
- Glaskörperblutung
- Erblindung
Blutglukose-Senkung
Derzeit definieren die meisten Leitlinien den Zielwert der Glykämie-Kontrolle anhand eines HbA1c von 7%, der in 3-monatlichen Abständen zur Evaluierung des Therapieerfolges kontrolliert werden soll.
Letztes Update:26 Februar, 2009 - 16:55








